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 PROJEKT

Letzte Aktualisierung   25.05.2016

Mikrokredite für alte Menschen

Obschon sich Vietnam Schritt für Schritt aus der Armut herausarbeitet, bleibt noch sehr viel zu tun. Die VSV leistet diesbezüglich ihren ganz spezifischen Beitrag. Sie hat das 2005 auf privater Basis begonene Mikrokreditprogramm für alte Menschen in der Region Hue adoptiert und führt dieses Projekt in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden und Alterskomitees weiter.

Die Vergabe der Mikrokredite erfolgt dezentral, d.h. sie liegt in den Händen der Alterskomitees der Quartiere der Stadt Hue und in Dörfern rund um die Stadt. Diese bestimmen die Verantwortlichen für die Vergabe der Kredite und den Einzug der Rückzahlungen. Sie kennen die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Kreditnehmenden.

Bevor ein Kredit vergeben wird, reichen die Interessierten ihre Idee ein. Diese wird mit ihnen besprochen und auf die Realisierbarkeit hin geprüft. Auf diese Weise können mit den Krediten ganz unterschiedliche Aktivitäten entwickelt werden: Von der Kleintier- und Crevettenzucht über die Erweiterung des kleinen Kiosks, vom Kochen von Nudelsuppe und der Herstellung von Süssigkeiten bis hin zur Fabrikation von Hüten oder Spielzeug, Räucherstäbchen und Gegenständen für Beerdigungszeremonien. Alles was den Fähigkeiten der Kreditnehmenden entspricht und geeignet ist, die bescheidene Rente zu ergänzen, ist erwünscht. Immer wieder werden Kredite mehrerer Personen zusammengelegt, z.B. um gemeinsam einen Fischteich oder einen Gemüsegarten anzulegen.

Foto 4

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Jedes Mal wenn ein neuer Betrag aus der Schweiz kommt, kann ein weiteres Quartier oder Dorf beim Programm mitmachen. Seit Beginn des Projekts sind bis Ende 2015 in 25 Quartieren und Dörfern so über 1'200 Kredite vergeben worden. Üblicherweise zahlen die Kreditnehmenden ihren Kredit monatlich zurück, in Härtefall-Situationen kann die Frist verlängert oder der Kredit ganz gestrichen werden, letzteres, wenn z.B. ein Taifun die gesamte Ernte vernichtet hat. Niemand soll wegen des Kredits in eine Schuldenfalle geraten. Der Zins beträgt ½%, was unter der Inflationsrate liegt.

Spenden an Postkonto: 80-42705-3

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Für das alltägliche Leben reicht es aus..!

In Südostasien hat in den letzten Jahren ein rapider Wandel im gesundheitlichen, sowie auch im demographischen Bereich stattgefunden. Dies zeigt sich durch die Abnahme der Fertilität und die stark angestiegene Lebenserwartung in den südostasiatischen Ländern. Die Anzahl der über 65-jährigen der Bevölkerung nimmt rasant zu und wird in Zukunft noch stärker ansteigen. Auch Vietnam macht diese demographische Entwicklung durch und sieht sich schon heute mit Problemen zur Versorgung der alternden Bevölkerung konfrontiert. In Vietnam ist die Deckungsrate des Pensionssystems relativ niedrig, zumal lediglich Angestellte des staatlichen Sektors und Angestellte von staatlichen Unternehmen eine geregelte Rente erhalten. Etwa zwei Drittel aller über 60-jährigen Personen in Vietnam, bei einer Gesamtzahl von 7.75 Millionen über 60-jährige im Jahre 2006, haben  keinen Zugang zu Altersrenten oder ähnlichen Sozialversicherungsleistungen. Die meisten leben nach ihrer Pensionierung von eigenen Ersparnissen, gehen kleinen informellen Tätigkeiten nach und/oder leben zusammen mit ihren erwachsenen Kindern in einem Haushalt. Sie erhalten eine monatliche Reisration, wobei erst ab dem 90. Lebensjahr eine ganz bescheidene Rente ausbezahlt wird. Beinahe ein Drittel der älteren Menschen in Vietnam lebt unter der Armutsgrenze. Ferner ist auch zu bedenken, dass alte Menschen in Vietnam jene Generation sind, welche die grössten Kriegslasten zu tragen hatten (Giang 2004 & 2008; Nguyen 2007).

Zudem ziehen soziale und ökonomische Veränderungen und ebenso die schnelle Urbanisierung die Folge mit sich, dass sich Familienstrukturen in ganz Südostasien und auch in Vietnam verändern. Die traditionellen multigenerationellen Haushalte lösen sich auf und es existieren immer mehr sogenannte Kernfamilien, Zweigenerationenhaushalte (ADB 2009: 1; Croll 2006: 473). Diese aktuellen Veränderungen der Modernisierung, Gesellschaftsstrukturen und health transition in Vietnam haben für mich folgende Fragen aufgeworfen: Wer kümmert sich nun um all die älteren Personen? Was erwarten die älteren Personen selbst in der heutigen Zeit? Von wem erhalten sie zukünftig soziale sowie finanzielle Unterstützung, wenn die eigenen erwachsenen Kinder keine Zeit mehr dafür finden? Ein beliebtes Mittel zur Armutsbekämpfung und Unterstützung in Entwicklungsländern war in den letzten Jahren die Mikrofinanzierung. Diesen Ansatz hat CASCD (Centre for Ageing Support and Community Development) in einem Pilotprojekt für ältere Menschen in den ärmeren Stadtvierteln von Huế und Umgebung aufgegriffen. Die Vereinigung Schweiz-Vietnam unterstützt dieses Projekt.

Im Rahmen meiner Masterarbeit beschäftige ich mich mit den sozioökonomischen Folgen von Mikrofinanzierungen älterer Menschen in Huế, Vietnam. Zu diesem Zweck habe ich mich Mitte August 2011 auf einen zweieinhalb monatigen Feldforschungsaufenthalt in Huế und Hanoi begeben und das Mikrokredit Projekt in Huế, welches von der VSV und CASCD getragen wird, besucht.


Während meines Forschungsaufenthaltes habe ich einen tiefgreifenden Einblick in das Projekt und das Leben älterer Menschen in Huế erhalten. Ich habe vor Ort qualitative Interviews mit älteren Personen durchgeführt und wollte unter anderem erfahren, inwiefern sich ihr Leben durch die Mikrokredite verbessert hat und in was die Mikrokredite eigentlich investiert wurden. Das seit 2004 laufende Projekt hat bis zum aktuellen Stand vom April 2011 Mikrokredite an 572 ältere Personen vergeben in gesamthaft 12 verschiedenen Stadtvierteln und Dörfern rund um Huế.


Etwa die Hälfte der Befragten ist im landwirtschaftlichen Bereich tätig, das heisst sie bauen vor allem Reis und verschiedene Gemüsesorten auf ihren Feldern an, aber auch Fruchtbäume werden gepflanzt. Die Kredite werden gerne  in neues Saatgut und Dünger investiert. Nebenbei halten sie oftmals auch noch ein paar wenige Kleintiere, wie Hühner oder züchten zum Beispiel Fische im Teich. Des Weiteren sind die Kreditnehmer vor allem im Kauf und Verkauf sehr aktiv, es werden Produkte gekauft und im eigenen kleinen Laden, beziehungsweise vor dem eigenen Haus weiterverkauft. Die Produkte beschränken sich vor allem auf Softgetränke und Snacks, manchmal findet man aber auch Hygieneprodukte wie zum Beispiel Duschmittel dazwischen. Die meisten, die ein kleines ‚Lädeli‘ betreiben, besitzen einen Garten, in welchem Gemüse für den täglichen Eigenbedarf angebaut wird. Auch diejenigen, die ihren Kredit in die Haltung und Zucht von Schweinen, Hühnern, Fische oder  Enten investiert haben, besitzen oftmals zusätzlich noch einen kleinen Garten oder ein Reisfeld.



Die Vergabe und die Rückzahlung der Mikrokredite ist in Huế ein geregelter Prozess. Bei der Bewerbung um einen Mikrokredit müssen die Bewerber und Bewerberinnen vorweisen können, dass sie physisch noch in der Lage sind, körperliche Arbeiten auszuführen. Ferner wird verlangt, dass eine zweite Person mit bürgt bei der Vertragsunterzeichnung und ebenfalls unterzeichnet. Somit wird die Rückzahlung des Kredites gewährleistet. Oftmals handelt es sich hierbei um den Ehepartner oder die Ehepartnerin, eines der erwachsenen Kinder, oder aber auch Nachbarn. Ausnahmsweise kann der Kredit auch durch eine Person genutzt werden, die sich vertraglich verpflichtet, sich als Gegenleistung für die Nutzung des Kredits um die betagte Person zu kümmern. Die Rückzahlquote ist in Huế sehr hoch, somit werden praktisch keine Verluste gemacht und das zurückbezahlte Geld kann wieder in eine neue Vergabe von Krediten fliessen. Die hohe Quote der Rückzahlung ist zum einen damit zu begründen, dass die Kreditnehmer gut betreut werden. Investition und Vorhaben werden vor der Kreditvergabe besprochen, die Bewerber werden in ihren Vorhaben oft gut unterstützt. Bei der Ausstellung des Vertrages wird auch schriftlich festgehalten, wie viel jeden Monat zu sparen ist, sind jedoch so tief (durchschnittlich 0.5%), sodass die älteren Menschen sich überhaupt getrauen einen Kredit aufzunehmen. Des Weiteren ist mir aufgefallen, dass die meisten Kreditnehmer und Kreditnehmerinnen nicht nur einer Tätigkeit nachgehen, sondern nebst der Schweinezucht beispielsweise auch Gemüse anpflanzen oder noch ein kleines Reisfeld besitzen. Diese Arbeitsdiversifikation trägt aus meiner Sicht ebenfalls dazu bei, dass die Rückzahlquoten in Huế hoch sind. Es entstehen praktisch keine Schulden, da die Kreditnehmer und Kreditnehmerinnen immer irgendetwas anderes besitzen, finden oder tun können, um täglich ein klein wenig Geld verdienen zu können.


Was hat sich für die älteren Menschen, die einen Mikrokredit erhalten haben geändert? Es hat sich herauskristallisiert, dass eine gewisse Unabhängigkeit von den eigenen Kindern sehr wichtig ist. Ein eigenes Einkommen haben und sich selbst versorgen können bedeutet den älteren Menschen sehr viel. Ebenso konnte durch die etwas verbesserte finanzielle Situation die Ernährung umgestellt werden. In nahezu jedem Gespräch haben die Betroffenen erwähnt, dass sie sich nun besser und abwechslungsreicher ernähren können, zum Teil auch sogar mehr zu essen pro Tag zur Verfügung haben als früher. Dennoch bleibt am Ende des Monats nicht viel übrig und täglich müssen sie hart arbeiten, damit sie den Alltag bewältigen können, sowohl physisch als auch finanziell.

„Für das alltägliche Leben reicht es aus..!“, so ein Satz, welchem ich auf meinem zweieinhalb monatigen Feldaufenthalt oftmals gehört habe. Trotz all den Mühen des alltäglichen Lebens und der Sorge, was der nächste Tag wohl bringt, sind alle zufrieden darüber, dass sie dank dem geliehenen Mikrokredit ihren Alltag selbst bestreiten können und unabhängig sind.


Sarah Speck, geb. 01.01.1986, wohnhaft in Mettmenstetten (ZH) studiert im Masterstudium (MSc) Geographie an der Universität Zürich und verfasst derzeit ihre Masterarbeit im Bereich der Humangeographie.

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Unten stehend ein Bericht aus der Anfangszeit des Projekts.

Mikrokredite für alte Menschen in Vietnam

Seit mehreren Jahren unterstützt medico international schweiz in Zusammenarbeit mit der vietnamesischen Organisation RECAS Programme zur Förderung der psychosozialen Gesundheit alter Menschen in Dörfern rund um die Stadt Hue in Zentralvietnam. Auch die Schaffung der Altersclubs mit Themen wie Tai Chi, Schach und andere Spiele, Lesen und Gedichte schreiben, gehört dazu. (Fotos 1 und 2)

Foto 1    Foto 2 

Immer wieder taucht jedoch die Frage nach den materiellen Verhältnissen betagter Menschen auf, die unterschiedlich, oft aber noch sehr ärmlich sind. RECAS ist daher mit der Frage nach Mikrokrediten zur Verbesserung der Lebensgrundlagen an uns herangetreten. Eine erste, quasi Pilotsumme von 2’000$ wurde im März 2005 auf privater Ebene übernommen. Mit dieser Summe wurden 15 Mikrokredite erteilt - nach der Information von RECAS erstmals überhaupt an alte Menschen. Seither sind drei weitere Tranchen in der gleichen Grössenordnung dazugekommen.           
Mehrmals konnte ich mir vor Ort ein Bild von der Wirkung machen: Die Zahlungsmorale ist ausgesprochen hoch. Alle Kredite waren zurück bezahlt und an weitere alte Menschen vergeben worden, die ersten inzwischen bereits mehrere Male. Für jede Kreditnahme wird jeweils ein Vertrag erstellt, der von der begünstigten Person selbst und einer jüngeren, die für die Rückzahlung mitbürgt, unterzeichnet wird. Meist sind diese Zweitpersonen Familienmitglieder.


So wurden verschiedene Einkommens-quellen geschaffen: Einige haben den Kredit in vier
Ferkel investiert; so ist eine kleine Schweinezucht entstanden
<-(Foto 3)

Ein paar Frauen haben Material zu Herstellung von Räucherstäbchen oder Süssigkeiten gekauft, von deren Produktion sie nun ein Einkommen generieren (Fotos 4 und 5).

Foto 4Foto 5  

Es gibt auch Grossmütter, die ihren Kredit in die Produktionsgrundlagen für die ganze Familie eingebracht haben. Eine Familie hat z.B. die Kredite beider Grossmütter und etwas eigene Mittel zusammengelegt und eine bescheidene Maniokmühle gekauft. Heute leben 10 Personen von der Verarbeitung des Manioks (Fotos 6,7,8,9).

Mit einem anderen Kredit wurden Heil- und andere Kräuter gepflanzt. Besonders originell ist jener alte Mann, der nach dem Tet-Fest, dem vietnamesischen Mondneujahr, Tet-Bäumchen in Töpfen ganz billig erworben und sie bis zum nächsten Tet-Fest gehegt und gepflegt hat. Er konnte sie dann zu einem guten Preis verkaufen, teilweise auch „vermieten“ um sie im nächsten Jahr wieder anzubieten. Seither lebt er weitgehend von und mit den Bäumchen (Foto 10).

Der Beispiele sind viele: Von der 2. Tranche (ebenfalls 2'000 USD), die im Herbst 2007 in Umlauf kam, profitieren alte Leute in Phu Binh.

<-(Foto 11)

Es sind allesamt Menschen, die nach einem harten Leben in Booten auf dem Fluss mit ihren Familien ans Land zurückkehren konnten, denn was auf unzähligen Bildern so malerisch aussieht, ist bitterste Armut (Foto 11) : vor rund sechs Generationen wurde begonnen, die „überzähligen“ Kinder armer Bauernfamilien auf Hausboote auf dem Fluss zu schicken, wo sie tauchend Korb um Korb Kies von Grund des Flusses heraufholten. Nie konnten diese Schwerarbeiter auf einen gründen Zweig kommen, gegen moderne Bagger haben sie definitiv „kein Brot“. Immer aber sind diese „Bootsmenschen“ mit ihrem Dorf verbunden geblieben und haben sich das Recht erhalten, dort beerdigt zu werden. Nun werden sie im Rahmen von Sozialprogrammen nach und nach an Land zurückgeholt. Lange Wartelisten zeugen davon, dass dies einem Bedürfnis entspricht.

Die Mikrokredite verwenden sie, um kleine Sachen anzuschaffen, die sie an Touristen oder einheimische Kunden verkaufen. Da alle jeden Monat ihre kleine Rate und einen Zins von 0,5% zurückzahlen, kommen jeden Monat weitere Interessierte zum Zug.
 

Auf Foto 12 ist Mme Nguyen Thi Ngoc Trai, die Leiterin von RECAS.Alte Menschen geniessen in Vietnam traditioneller Weise Achtung und Respekt. Sie sind es zudem, welche die Last der Kriegs- und Nachkriegsjahre getragen haben.

Dennoch ist es – auch angesichts der Umbrüche in Richtung Industriegesellschaft – für die Alten selbst, aber auch für arme Familien als Lebensgemeinschaft eine Belastung, wenn alte Personen ohne jegliches Einkommen sind. Die Fragen stellen sich dann in elementarer Härte: ein Schulbuch für das Kind oder Medizin für den Grossvater? Die Möglichkeit, einen Beitrag zum Familieneinkommen zu leisten, hat in diesem Sinne über die wirtschaftliche Ebene hinaus durchaus auch ihren psychosozialen Stellenwert, sowohl im Familieverband als auch gesamtgesellschaftlich.

Anjuska Weil
Präsidentin der Vereinigung Schweiz-Vietnam

Research Center For Ageing Support (RECAS)
82 Linh Lang Street, Ba Dinh District

Hanoi (R.S. Vietnam)

Tel (84-4) 766 27 10     -     Fax (84-4) 766 27 11

 

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Postfach 8164, CH-8036 Zürich (Schweiz)


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