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der Bildhauer Nguyễn Tâm Nhâm

Autor des Werkes „Vietnamesische Kohleskulptur“

„Für mich bleibt Kohle die Seele der Skulptur“ Nguyễn Tâm Nhâm

Die Geografie mit ihren natürlichen Bedingungen und Produkten bestimmt die Identität der Region und ihrer Menschen, macht jeden Bereich einzigartig. So die Kohle für die Bergbauregion Quang Ninh: Es ist harte Kohle, die „kíp lê“-Kohle oder Steinkohle, entstanden vor 240-370 Millionen Jahren. Der industrielle Abbau der Kohle in Quang Ninh begann im Jahr 1888 während der Ausbeutung durch die französischen Kolonialisten.

Die harte Arbeit in den Schächten der Mine, kombiniert mit der brutalen Unterdrückung und Ausbeutung durch deren Besitzer, schmiedeten einen Geist der standhaften Solidarität der Minenarbeiter, „Disziplin und Einheit“ (Kỷ luật và Đồng tâm), unter der Führung der Kommunistischen Partei Indochinas. Der Höhepunkt war der erfolgreiche Streik von 30’000 Minenarbeitern 1936, welcher die Wiege der vietnamesischen Arbeiterklasse schuf.

Nachdem der Friede wieder hergestellt war, wurde die Kohle zu einem Rohstoff, welcher die Bergbauregion weitertrug, Wohlstand hervorbrachte und die lokale Meeres- und Waldwirtschaft für Jahrzehnte verband. Obwohl sich die Wirtschaft von Quang Ninh stufenweise von „braun“ zu „grün“ wandelte, lebt der Begriff Bergbauregion (Vùng Mỏ) nach wie vor in der Umgangssprache. Die Kohle bleibt als Wert im kulturellen Leben und Charakter der Menschen eingraviert: stark, teilend und grosszügig. Über Quang Ninh zu sprechen ohne die Kohle, kommt dem Verlust eines Teils des Sediments der Vergangenheit und der Stütze für die Gegenwart gleich.

Kohle ist auch ein Rohmaterial für die Handwerksproduktion. Kohle findet man an vielen Orten auf der Welt, aber selten wird sie für Produkte der Kunst verwendet wie in der Minenregion Quang Ninh.

Handwerkskunst beinhaltet, ein Objekt so nah wie möglich am Modell zu formen und zu reproduzieren. Häufige Massenprodukte umfassen Löwen, Hirsche, Aschenbecher, Vasen, Buddha-Statuen, die Felseninsel Trống Mái, auch ‚Insel der kämpfenden Hähne‘ genannt, und so manches mehr.

Der Bildhauer Nguyễn Tâm Nhâm folgte dem Weg der Geschichte der Bildhauerkunst: Vom Handwerk zur künstlerischen Schöpfung, vom Folgen eines Vorbilds zum Folgen von Gefühlen – dem Massstab der Kunst – mit Kohle als Material.

Ein paar seiner Werke dieser Zeit beinhalten:

Vase – „Traum“

Ein Symbol der Harmonie zwischen Mensch und Natur – „Friedlich, rein, geh schlafen.“

Rose auf der Brust

Ein beindruckendes Schmuckstück aus Kohle, eingelegt eine Rose aus Perlmutt, der so nur in Quang Ninh zu finden ist. Raffiniert, tiefblau funkelnd, Hoffnung versprühend.

Blume zum 8. März

Rau und glatt, fest und zerbrechlich, wir denken an ein Symbol. Die Symbolik von Nguyễn Tâm Nhâm ist eine Art Personifizierung, eine Anspielung „geschöpft aus seinem inneren Selbst, folglich reich an Emotionen, und nicht alltäglich“.

Heute, im Zeitalter der Globalisierung mit medialer Übersättigung und Massenproduktion werden individuelle und gemeinschaftliche Identitäten mehr denn je herausgefordert.

Dies führt uns dazu, nach kultureller Tradition zu suchen – nationaler Identität – als Kompass, der dem Individuum und der Gemeinschaft hilft sich einzuordnen, nicht zu zerfallen.

Diese Identität, welche die regionale Kultur beinhaltet, wird durch den Duft und die Nuancen des lokalen Bodens verfeinert, der Materie und der Menschen – den Elementen, in welchen der Künstler lebt, welche die emotionale und ästhetische Sensibilität kreieren, die Geburt der Kunstwerke nähren.

Vietnamesische Kohleskulpturen sind ein Destillat der Minenregion.

Cover-Foto: Maler Nguyễn Sáng,

1996 – 2001

Ein Portrait im kubistischen Stil: Grosse, prägnante und kraftvolle Flächen. Der berühmte Maler Nguyễn Tư Nghiêm kommentierte: „Die Sáng-Statue fängt den Geist richtig ein, sie ist ihm ähnlich.“

Bildhauer Nguyễn Tâm Nhâm, Autor der „Vietnamesischen Kohleskulptur“, ist in einer Familie der Arbeiterklasse geboren worden und aufgewachsen, die fast hundert Jahre in der Bergbauregion Cẩm Phả verwurzelt war. Sein Vater schloss sich begeistert den Viet Minh an und wurde von den französischen Kolonialisten vier Jahre lang in Phú Quốc eingekerkert. Als der Frieden wieder hergestellt war und er repatriiert wurde, konnte sein Vater nach Cẩm Phả zurückkehren, um dort als hochqualifizierter Monteur und Schweisser zu arbeiten.

Mein Vater der Minen-arbeiter, 2001

Der Bildhauer selbst begann im Alter von sechs oder sieben Jahren mit dem Schnitzen und Formen von Spielzeug und Figuren aus Kohle und Keramik. Seinen beruflichen Weg begann er in der Werkstatt für Kunsthandwerk aus Kohle der Cọc 6 Kohlemine Cẩm Phả, der kulturellen Wiege der Kohleindustrie. Er erreichte die Qualifikationsstufe 7/7 in der Kohlebearbeitung, bevor er sein Studium in der Abteilung für Bildhauerei an der Universität für industrielle Kunst in Hanoi abschloss. Er war auch leitender Fachspezialist für bildende Kunst der „Vietnam National Coal and Mineral Industries Group“. In der Mine Cọc 6 erinnern sich viele Arbeiter noch heute an „Nhâm Kohle“, der mit Rucksack und Hammer unterwegs war, um in der Mine Kohle für seine Skulpturen zu suchen.

Er schrieb: „… alle Wege zur Mine kenne ich auswendig. Von den Abbaufronten, Rinnen und Flözen bis hin zu den tiefen, dunklen, in die Erde gebohrten Stollen und den funkelnden Linien, mit denen sich die Förderbänder bewegen …“

Er gehört zur Klasse der Minenarbeiter, welche hart arbeiten, wissbegierig sind, mutig und dynamisch. Seine Arbeit zeigt die Kultur, den Intellekt und die Arbeit der Menschen der Bergbauregion sowie den angeborenen Drang des Künstlers, das Material Kohle zu beherrschen.

Genosse Vũ Văn Hiếu, 2002

Portrait eines Individuums wie im echten Leben, mit dessen einzigartigem Temperament in der Physiognomie. Es zeigt den vertrauenswürdigen Blick, ein Zeichen der Freundschaft, so wie wir sie in aussergewöhnlichen Portraits finden. Ausdrucksstark geschnitzt, geglättet, mit subtilem Ausdruck in den Augen und Lippen.

Eine Statue hat nicht die Möglichkeiten der Ausweitung wie ein Gemälde. Sie hat eine einzigartige Ganzheit, verbunden durch Gedanke und Form, steht allein, behauptet sich und verbindet, genau wie ein menschliches Wesen. Deshalb kann die Statue den Betrachter nur durch die Bearbeitung ihres Materials ansprechen.

Vietnams führender Kunstkritiker Phan Cẩm Thượng schrieb in der Einleitung zur Kollektion „Vietnamesische Kohleskulptur“: „Kohle, ein herausforderndes Material für den Bildhauer, wird praktisch von niemandem verwendet.“ Kohle ist hart wie Stein, aber spröde, splittert leicht entlang der Flöze und bricht schnell ab. Da sie industriell abgebaut wird, ist es schwierig genug grosse Blöcke zu finden. Die mysteriöse schwarze Farbe, welche das Licht in unzähligen Nuancen reflektiert, kann schnell ins dekorative oder kunsthandwerkliche abgleiten, wenn die Form nicht solide ist. Deshalb ist Kohle ein mächtiges, einzigartiges und anspruchsvolles Material. Die Kohle muss verstanden werden, mit Liebe – wie die Liebe zum eigenen Land und Volk – und so mit höchster Handwerkskunst bearbeitet werden.

Mai Hắc Đế, 1997 – 2000

Die dramatische Bewegung der Muskeln erinnern an „vietnamesischen Barock“. Die Statue eines vietnamesischen Mannes, der im 7. Jahrhundert gegen einen Tiger kämpft, um seine Mutter zu retten. Später wurde er zur nationalen historischen Figur Mai Hắc Đế.

Nguyễn Tâm Nhâm’s Arbeitsmethode ist das direkte Schnitzen ins Material. Beeinflusst durch die Skulpturen der Tempel und Gemeindehäuser und dank seiner künstlerischen Erfahrung ist er stark in dieser Technik. Und weil er unwiderstehlich angezogen ist von der Widerstandsfähigkeit des Materials mit seinen Flözen, seiner Körnung, seiner Matrix und vom inneren Leben der Kohlestruktur, welche die Geburt des Kunstwerks mitbestimmen. Die Struktur der Kohle ist passend für diese direkte Arbeitsweise.

Thị Nở

Das Mädchen vom Dorfe des Banyanbaums, dem Wasseranlegeplatz und dem Gemeinschaftshof.

Die Kohlestatuen verfügen über starke, unschuldige und verfeinerte Linien und Flächen. Sie tragen die Merkmale der Skulpturen der Tempel und Gemeindehäuser, mit denen Nguyễn Tâm Nhâm sehr vertraut ist. Gleichzeitig zeigen sie die Freiheit des Objekts, die Schlichtheit des Ausdrucks und die Vitalität des Subjekts, das vom Atem des Alltags durchdrungen ist, was den modernen Stil der Skulptur ausmacht.

Held der Arbeit Nguyễn Văn Sên, 1997

Die Statue hat ein rustikales Aussehen – sie ist authentisch, vertrauenswürdig und modern. Der Sockel ist solide aber dennoch elegant gegen den Wind gesetzt.

Bei Nguyễn Tâm Nhâm hat sich die Kohle vollständig offenbart. Deshalb ist das Zusammentreffen zwischen dem Bildhauer und der Kohle Schicksal. Er schnitzte in Stein und Holz, doch die Kohle hat ihn berufen, und er fand in ihr ein Gesicht, liess sie hervortreten und gab ihr ein eigenes Leben.

Kohlearbeiterin Cọc 6, 1987

Es ist die sich erhebende Stimme der Kohle über eine reine, optimistische und hart arbeitende Schönheit. Die Arbeiterin tritt aus einem reinen, funkelnden Kohleblock empor, wie Kohlestaub, wie der Widerschein einer Sternschnuppe in einer Sommernacht. Die Skulptur erinnert an J. Bernards (1866-1931) Werk „Streben nach der Natur“, ein klassisches Beispiel direkten Schnitzens.

Eine der Schwächen der vietnamesischen Bildhauerei ist der Mangel an Techniken geschickter Handwerker. Wie der berühmte Maler Picasso sagte: „Man muss eine Methode haben und diese bis zu dem Punkt meistern, an welchem die Methode nicht mehr zu existieren scheint.“ Nguyễn Tâm Nhâm nimmt den starken Ausdruck des Subjekts wahr, kombiniert diesen mit dem höchsten Niveau seiner Methode, was es ihm erlaubt, schnell zu arbeiten. Er schnitzt direkt in den Kohleblock, seine Intuition geht direkt von seiner Hand in die Messer und Meissel, schält Schicht um Schicht der überflüssigen Kohle weg, wodurch sich die Statue allmählich offenbart. Er schnitzt normalerweise sehr schnell; jeder Schlag des Meissels ist irreversibel. Nur Geschwindigkeit kann das Wissen, Begriffe und Regeln vermeiden, die aus natürlichen Gegenständen abgeleitet sind und die unmittelbare Emotion sowie die Lebenskraft des Kunstwerks vermindern.

Manche kommentierten die Arbeitsgeschwindigkeit von Nguyễn Tâm Nhâm: „Die Hand ist schneller als der Kopf.“ Nguyễn Gia Trí antwortete für ihn: „Irgendein Material zu verwenden heisst, dieses Material zu verkörpern. Alle Arbeitsstandards müssen Geschwindigkeit als Kriterium nehmen. Langsame, langwierige Dinge sind nicht von Nutzen.“

Der grosse Urwald (Đại ngàn), 2002

Eine spontane und harmonische Komposition. Die solide Masse zeigt die Stärke des Materials. Die Spannungen der Masse und die Variation der Bewegung regen zum Nachdenken an. Wirklichkeit – Illusion, Konvex – Konkav geben ein Gefühl von intensiver und fruchtbarer Lebenskraft. Ein hoher Ton auf einem robusten Bassschlüssel.

Licht spielt eine entscheidende Rolle im Ausdruck natürlicher Materialien, speziell bei der Kohle. Als pflanzliches Sediment ist Kohle sehr lichtempfindlich. Die schwarze Farbe der Kohle ist unendlich wandelbar; erdiges Schwarz, mattes Schwarz, funkelnd, glänzend, transparent… Fasziniert durch diese Variabilität wird der Bildhauer aufgrund seines Gefühls für das Material polieren, glätten, abflachen oder schimmernde Kohleschlieren sowie Spuren von Messer und Meissel am Werk zurücklassen. Jeder Moment benötigt ein höchstes Niveau an Handwerkskunst. Und den grössten Respekt für die Kohle mit dem Ziel, die Qualität der Kohle auszudrücken, um Verstehen und Emotionen zu erreichen.

zLiebe zum Meer ((Tình biển),

2002

Die Bewegung der Formen erinnert an ein „A“ oder Rodins (1840-1917) „der ewige Frühling“. Doch sie ist nicht entstanden durch Modellieren oder Giessen, sondern durch direktes Hauen in die harte Kohle. Die Kohle hat die Grenzen ihrer Spannungen erreicht, die Grenze ihrer Balance. Ein anmutiges, umherschweifendes Denkmal der Liebe. Das Licht scheint wie durch Wasser gefiltert in einem surrealen Tanz im Herzen des Meeres.

„Ich liebe mein Land, und ich sehe meine Arbeit als eine Brücke, welche Menschen verbindet, vielleicht Nationen. Kunst ist auch mein Beitrag für den Frieden,“ antwortete er in der Ausgabe von HOA BINH (Frieden) 35/2020.

Der Bildhauer Nguyễn Tâm Nhâm nimmt die Verantwortung eines Künstlers wahr, indem er die einzigartigen Qualitäten seiner Heimat in seine Stücke einbringt. Mit der Kohle, welche er so liebt. Er wurde zu demjenigen, welcher ein neues Material in die vietnamesische bildende Kunst einführte. Die Kohle erwählte ihn, um ein anderes Leben zu leben, und die Kohle wird weiterhin an der Seite der Bergbauregion existieren. Auch er ist eine Bergbauregion.

Selbstportrait mit Hut (Tự tạc đội mũ), 2000

Der Reichtum und die Lebenskraft der Kohle werden erneut entdeckt.

Quang Ninh, am 12. November, dem Tag der unbeugsamen Bergbauregion, Nguyễn Tâm Thi